Seit einigen Wochen haben RheinFlanke Mitarbeiter_innen in den Standorten Bedburg, Grevenbroich und Meckenheim mit einer Sondererlaubnis der jeweiligen Kommunen die Aufsuchende Arbeit in den Sozialräumen unter strengen Auflagen und Einschränkungen wieder aufgenommen. Wie deren Erfahrung in der Startphase sind, dazu äußern sich die RheinFlanke Mitarbeiter Tobias Aufgebauer (Bedburg) und Dirk Eckel (Meckenheim).

Warum hat die RheinFlanke in einigen ihrer Standorte die aufsuchende Arbeit unter erschwerten Bedingungen wieder aufgenommen?

Dirk: Nach den langen Wochen im Lock Down fehlt vielen Kindern und Jugendlichen die Anbindung an die Strukturen der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Für viele sind es neben Schule die einzigen verlässlichen und halt gebenden Strukturen in ihrem Alltag. Die Schule ist komplett weggebrochen und die Stressbelastungen im häuslichen Umfeld haben für die Familien deutlich zugenommen. Ausgehend vom Standort Bedburg wurden so neben den digitalen Angeboten der RheinFlanke weitere kreative Lösungen, hin zu wieder mehr aufsuchender Arbeit im Sozialraum, entwickelt.

Tobias: Denn schon nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass die Jugend auf der Straße digital nicht adäquat erreicht werden kann. So wollten wir wieder raus, wie gewohnt. Wie es dem Einzelnen so geht, lässt sich nicht aus der Distanz ermitteln.

Wie sieht denn die Aufsuchende Arbeit derzeit aus?

Dirk: In Meckenheim laufen oder radeln wir in zwei bis drei Schichten durch das Quartier. Eine Schicht ist so platziert, dass wir die aktuell beschulten Kinder direkt nach Schulschluss auf dem Nachhauseweg antreffen können.

Tobias: Da die Jugendlichen aktuell eher zu zweit angetroffen werden, sind die Gespräche in der Tiefe ausgesprochen wertvoll. Die Kontaktqualität ist sehr hoch.

Trefft ihr bei Euren Rundgängen viele Jugendliche an?

Dirk: Am Standort Meckenheim können wir pro Schicht bis zu 15 Kinder und Jugendliche antreffen und begrüßen. Ich rechne damit, dass im Zuge weiterer Lockerungsmaßnahmen die Zahlen weiter ansteigen werden.

Tobias: Zahlenmäßig kommen wir durch das Kontaktverbot nicht ganz an das gewohnte Niveau heran. Aber wir treffen doch viele in ihrem aktuellen Alltag über den ganzen Tag verteilt, aber nicht mehr so konzentriert in den Abend herein.

Wie reagieren denn die Jugendlichen auf Euer auftauchen?

Tobias: Mit Freude, schließlich hatten wir uns einen Monat nicht mehr getroffen. Inzwischen ist viel passiert. Nicht selten fühlt es es sich so an, als sei man der große Bruder, dessen guter Rat gefehlt hat und nun ist er wieder zurück.

Dirk: Die ersten Fragen sind meist: „Wann macht das Juze wieder auf?“ oder „Wann kicken wir wieder?“. In der Regel sind es sehr freudige Begegnungen. Einige können an die aktuellen digitalen Angebote, wie z.B. Fifa-Turniere, angebunden werden. Andere suchen das Gespräch und haben das Bedürfnis, über ihre aktuelle Situation zu reden.

Wie diszipliniert sind denn die Jugendlichen im Umgang mit den behördlichen Auflagen?

Dirk: Ich bin sehr begeistert, wie die Meckenheimer Jugendlichen mit den Auflagen umgehen! Größere Ansammlungen konnten nicht beobachtet werden. Meist trifft man Zweiergruppen an. Die Einhaltung der Abstandsregel scheint den meisten von ihnen auch keine Schwierigkeiten zu bereiten. Das neue Begrüßungsritual wird mit dem Fuß durchgeführt.

Tobias: In Bedburg sieht es etwas anders aus. Viele haben in den Anfängen tatsächlich ein Ordnungsgeld von 200 Euro bezahlen müssen. Das zeigt jetzt Wirkung. Weitgehend werden die Auflagen nun eingehalten.

Wie verbringen denn die Jugendlichen derzeit ihre Freizeit?

Dirk: Aus den Gesprächen geht hervor, dass ein Großteil wirklich die meiste Zeit zu Hause verbringt. Vielen ist langweilig. Die Jungs sitzen viel an der Playstation und zocken. Einige übernehmen häusliche Pflichten, indem sie auf die jüngeren Geschwister aufpassen, wenn die Eltern arbeiten. Es scheint aber auch so zu sein, dass einige Kinder gar nicht nach draußen dürfen. Dahinter steckt natürlich oftmals die Angst vor Ansteckung. Nach der erneuten Verlängerung des Lock Downs ließ bei einigen Schüler_innen, die wir sprechen konnten, die Motivation für das schulische E-Learning mehr und mehr nach.

Tobias: So wie sonst auch, aber die Schwerpunkte haben sich verlagert. Zuhause zocken hat etwas zugenommen, Treffen in der privaten Umgebung auch. Von Langeweile wird aktuell gesprochen, das kommt sonst eher selten vor.

Gibt es etwas, was die Jugendlichen am meisten vermissen?

Tobias: Die großen Zusammenkünfte an den Hotspots werden vermisst.

Dirk: Ganz klar! „Ich vermisse meine Freunde!“ ist einstimmig und einhellig die erste Antwort auf die Frage.

Mit welchen Problemen setzen sich die Jugendlichen aktuell auseinander?

Dirk: Die Jugendliche am Übergang von Schule zu Beruf äußern Sorgen, dass sie keinen Ausbildungsplatz bekommen bzw. der zugesicherte Platz wieder verloren geht. Als Beispiel sei Yousra (Name geändert), 10.-Klässlerin aus Meckenheim, genannt, die Angst hat, dass sie die anstehenden Klassenarbeiten in der kommenden Woche versemmelt. Es sind also echte Existenzängste! Ja, auch die Angst das Virus nach Hause zu tragen ist für manchen SuS eine enorme psychische Belastung.

Tobias: Die Sehnsucht nach der gewohnten Freiheit ist sehr groß. Und natürlich sind die Geldprobleme größer geworden. Das Kurzarbeitergeld ist da z.B. ein Grund. Inwieweit in der Krise eine Lehrstelle zu bekommen ist, wird hinterfragt, und es gibt teilweise haarsträubende Gerüchte über die Verbreitung des Virus…

Die RheinFlanke Mitarbeiter_innen übernehmen bei ihrer aufsuchenden Arbeit keine Funktion des Ordnungsamtes. Gibt es dennoch Absprachen/einen Austausch mit den Mitarbeitern des Ordnungsamtes?

Dirk: Die aufsuchende Arbeit hat die Eigenschaft, präventiv und weiterhin parteilich zu sein. Sollten wir Auffälligkeiten beobachten, so suchen wir den Dialog zu den jungen Menschen. Manchmal ist auch ein bisschen Aufklärung gefragt, um Unwissenheit oder auch Fake News inhaltlich begegnen zu können. Das Ordnungsamt ist natürlich im Bilde, wann und wo wir mit welchem Auftrag unterwegs sind. Es ist eine gute Ergänzung, ein gut funktionierendes Nebeneinander. Die Mitarbeitenden im Ordnungsamt haben definitiv auch einen anderen Auftrag als wir.

Tobias: Letztlich sind wir Vermittler in der Auseinandersetzung zwischen den Parteien, so etwas wie Anwälte der Jugendlichen. Allerdings erklären wir auf der Straße auch den sinnhaften Hintergrund der Arbeit der Ordnungshüter. Nicht zuletzt weisen wir darauf hin, dass Coronaparties keine gute Idee sind, und das das Virus viel unberechenbarer ist, als anfangs vermutet.

Was wünscht Ihr Euch für die kommenden Wochen?

Dirk: Viele lachende Kinder…und irgendwann die Perspektive auf ein Fußballspiel. Dann hol ich meine alten Fußballschuhe wieder raus und kicke nochmal mit den jungen Wilden (lacht).

Tobias: Ich wünsche mir vor allem, dass wir nicht schon bald einen erneuten „Lock down“ erleben. Und ich hoffe, dass wir mit der Aufklärungsarbeit gut vorankommen und in der Gerüchteküche „Corona“ weiter gut aufräumen können. Und wenn ein Impfstoff verfügbar ist, dann können wir alle gemeinsam auf der Straße tanzen.